Henni Nachtsheim – eine Hälfte Badesalz rockt Opi und Oma

Henni Nachtsheim ist schon 60? Nein? Doch! Ooh!….aber er ist der mit Abstand jüngste Sechziger, den ich kenne.. Ich könnte jetzt das Badesalz-Geburtstagslied posten, aber das kann jeder…Alles Liebe und Danke für eine Menge Spaß und Herz….

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Das deutsche Protestlied und damit einhergehend das manchmal gutmenschelnde und nicht selten langweilige Gesäusel der Liedermacher ging mir auf den Zeiger. Die Neue Deutsche Welle war aber auch mittlerweile zu dadaistisch und sinnfrei geworden. Da kam auf einmal „en wüste Krach, aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach“ – die Rodgau Monotones, die mit hessisch Gebabbel die nächste Generation unterhielten, während die Eltern, sowie Opa und Oma sich noch über Heinz Schenk scheckig lachten. Die Rodgaus hatten Spaß an verzerrten Stromgitarren und Henni Nachtsheim, bombenlegermäßig langhaarig mit John Lennon-Brille war einer der Sänger der Truppe und spielte zudem Saxofon.

‚Kleiner Pirat‘ war ein treibender Song für die bescheidene Revolte des kleinen Mannes: „er hat ne Menge Bücher über Störtebecker und über Kptn. Hook gekauft, dann hat er seinen Käfer, die alte Schnecke, von Hoppelchen in rostiger Korsar umgetauft.“ Klasse!

Auch die Unbill des Abblitzens bei der Frauenwelt wurde von den Monotones in ‚Frach misch net‘ prima auf den Punkt gebracht: „Ich hab mir 25 Mark geborgt Ohropax und Chris de Burgh besorgt, alles wegen dir!“ Chris de Burgh fand ich zwar selber ziemlich gut, aber sonst passte der Text. Kurz, die Monotones rockten die NDW in die kommende Deutschrockphase und ich liebte die Ohrwürmer der Hessen und besonders Hennis Timbre, gerade wenn er die Liebeskummerballade ‚Is nur Kino‘ sang.

Henni Nachtsheim von den Monotones tat sich wenige Jahre später mit Gerd Knebel von der Band Flatsch zum Comedy-Duo ‚Badesalz’ zusammen. Der absurde Humor der beiden, der den Alltag von Hedi und Bledi ins lächerliche drehte, Kulturbeflissene verarschte, Kinofreunde mit heiteren Phantasietrailern belieferte, und der vor allem harte Jungs als harmlose Dummschwätzer entlarvte, darüber konnte ich mich herrlich beömmeln.

Badesalz-Sprüche sind längst zu geflügelten Worten geworden. Als 2011 der langjährige tschechische Präsident Vaclav Havel starb, ich gebe es zu; als erstes kamen mir die „tschischenden Eschlaute der deutschen Schallsprachplattenfirma“ in den Sinn, die „wegen des tscheschischen Tonteschnikers“ entstanden waren (die CD hieß ‚Nicht ohne meinen Papa‘).

Noch heute ist ein drohender Familienstreit schnell abgewendet, wenn einer der Diskutierenden laut den Badesalz-Spot „Gereizt!! – der neue Film von Jaques Bubu!“ in die Runde ruft.

Mit Henni und Gerd habe ich einige Badesalz-Interviews geführt. Es war jeweils ein herrliches Zuspielen der Bälle und urkomisch. Und wie Komik und Tragik beieinander liegen können, zeigten manche Anekdoten, die Henni erzählte: So sei einmal eine Truppe junger Leute nachts mit dem Auto unterwegs gewesen. Man hätte eine Badesalzkassette gehört und der Fahrer sei gefährlich oft für einen Augenblick eingenickt.

An der brenzligsten Stelle allerdings, beim direkten Zuhalten auf die Leitplanke, sei die Kassette plötzlich umgesprungen und der Start des Albums ‚Och Joh‘, Gerds Eröffnung und der  Schrei ‚liegt die faule Sau immer noch im Bett!‘ habe den Fahrer hochschrecken und in letzter Millisekunde einlenken lassen. Badesalz als Lebensretter, welche Schlagzeile.

Gerd ist in diesen Dingen eher ein stiller Interviewpartner und fern von der Bühne zurückhaltend. Es ist Henni, der durchaus auch mal selbst einen Fan zurückruft und solche Berichte verifiziert.

Henni gab mir nach dem zweiten Treffen seine Handynummer und wir tauschen ab und an eine sms oder auch Email aus. Das ist selten im Showgeschäft.

Vor einigen Jahren hatte Henni Nachtsheim wieder Musik zu machen begonnen, schrieb eigene Songs, produzierte mit einer Band CDs und spielte live. Ich lud ihn zum Radio-Interview für das zweite Album „Dann tanzt die Omma mit George Clooney“ ein und er kam.

Der Musiker Henni Nachtsheim hatte außerhalb Hessens seltsamerweise nicht die Öffentlichkeit, die er als Comedien von Badesalz genoss. Aber das war ihm egal. Musik war seine zweite große Leidenschaft und so war es nicht schwer ihn zu einem Radiokonzert mit seiner Band zu bewegen. Henni war begeisterter Live-Künstler und sagte gerne für Saarbrücken zu.

Die SR 3 Echt Live Konzerte haben zwei Besonderheiten: Erstens: die Künstler spielen ohne Gage. Zweitens: Karten kann man nicht kaufen, die Besucher gewinnen die Freitickets. Das Musikstudio war also für den kleinen feinen intimen Kreis mit 200 Gästen ‚ausverlost’. Soundcheck und Probe liefen problemlos, der Abend konnte starten.

Verlosungen und Pralinenschachteln haben gemeinsam, man weiß nie was kommt. Und auf einmal waren fast ausschließlich die guten ‚alten‘ Saarlandwellenhörer da, will sagen, eher die Semino Rossi- und Freddy-Fans, als die Freunde von Beat und Rock ‚n‘ Roll. Das Tanztee- und nicht das Country-Publikum war ausgelost worden und sass gespannt vor der Bühne.

Henni betrat den Saal, schluckte innerlich wohl genauso wie ich kurz zuvor bei der Ansage des Künstlers. Aber ein alter Showhesse lässt sich nicht einschüchtern. Ali Neander, Nachtheims früherer Rodgau-Gitarrist und langjähriger Musik-Freund, ließ schon mit dem ersten Akkord seine Fender-Stratocaster via den Marshall-Verstärker aufjaulen. Das Publikum blieb verdächtig still. Für einen Moment ging uns die ‚Programmgestalterdüse’. Doch die Angst war nur von kurzer Dauer.

Es sei heute in bisschen lauter als sonst, nahm Henni den drohenden Kritiken der Schlagerfans den Wind aus den Segeln, sprach über sein neues Lied ‚Nordic Walking’ und diskutierte mit den Anwesenden engagiert und pointenreich, ob das Laufen mit Stöcken ‚scheiße‘ aussehe oder nicht. Noch eine Anekdote von seiner Omma hinterher geschickt und alle Besucher sowie Künstler und Radioleute wurden locker. Der Abend war ohrwurmig, heiter, albern, laut und rockig, und es wurde viel gelacht.

In mein Interviewmikrofon bekam ich anschließend nur positive Kommentare. Eine mutmaßlich über 80-jährige Dame strahlte: sie habe so etwas noch nie gehört und es sei superklasse gewesen.

Und so brachte der Abend die Erkenntnis, dass Heiterkeit nicht nur mit klirrenden Bembeln, sondern auch mit verzerrten Gitarren erzeugt werden kann. Und der kleine Pirat kam als Zugabe:

„Hey Hey kleiner Pirat – die Zeiten sind hart!“

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