zum 25. Todestag…Jeff Porcaro – der Gott an der Schießbude

Es war nicht mein erstes Musiker-Interview. Aber vor diesem Treffen war ich aufgeregt wie nie und platzte vor Vorfreunde.
1990 im September kam ‚Wetten Dass..?‘ nach Saarbrücken. Die kalifornische Rock-Band ‚Toto‘ war als Musikact angekündigt und deren Plattenfirma bot zur Promotion der aktuellen CD die Möglichkeit eines Interviews.
Toto, die Helden meiner in den letzten Zügen liegenden Jugend. Die gefragten Studiomusiker, die zum Spaß eigene Songs spielten und  mit ‚Hold the line‘ ein hämmerndes Klavier, eine Zerrgitarre und einen Ohrwurm gemixt und so einen Welthit gelandet hatten. ‚Rosanna‘, ‚Africa‘, ’99‘ das war meine Musik. Und ich sollte/durfte in die Saarlandhalle, um dort mit Steve Lukather, dem weltweit umjubelnden Gitarrero der Truppe zu sprechen. Das hatte der Plattenpromoter so vorgegeben. Ich war happy, wenn gleich ich lieber mit dem Drummer der Band gefachsimpelt hätte. Hatte ich mich doch seit Jahren als Tanzmusiker an der Schießbude vergeblich am groove von ‚Rosanna’ probiert. Zum Üben war ich immer ein bisschen zu faul. Es hatte in der 7-Mann-Kapelle, in der ich damals die Turnhallen der Westpfalz betrommelte, zwar für ‚Rosamunde’, den ‚Eiermann’ und auch ‚Quando’ immer gereicht Aber Toto war eine Nummer zu groß für uns. Deswegen war auch der außergewöhnliche Rhythmus, den die Songs der US-Jungs hatten, für mich immer nie zu erreichender Berggipfel der Unterhaltungsmusik, Jeff Porcaro war der oberste Trommlerkönig aus der Musikstratosphäre.

In der probenleeren Saarlandhalle stand der Durchlauf des Toto-Auftritts an, ich saß in der ersten Reihe, am nächsten Tag zur Sendung der Platz des ZDF-Intendanten, und schaute zu. Wie es bei Künstlergesprächen immer so geht, der Tourbegleiter kam zur Vorbesprechung und gab Anweisung. Und plötzlich sollte ich mir den Partner für das Interview einfach aussuchen dürfen. Sofort hing ich in Gedanken die Gitarre und Lukather an den Nagel und bat um Audienz bei Jeff. ‚No Problem – just a minute’. Hammer, Sensation, Jugendtraum – ich sollte Jeff Porcaro treffen, der z.B. für Michael Jackson das treibende ‚Beat it‘ eingespielt hatte und schon für fast jeden Star des Planeten, von Barbra Streisand bis Elton John oder Paul McCartney im Studio am Schlagzeug gesessen hatte. Da kam er auch schon auf mich zu, locker, entspannt, freundlich und fröhlich. Wie man sich einen Amerikaner aus dem Sonnenstaat vorstellt.
Porcaro, der Mann, gegen den mein Getrommel wie Schnitzelklopfen klingt. Der feine Rhythmiker, zu dessen Musik man tanzen konnte, obwohl er alle erdenklichen Figuren, Synkopen und Brüche einbaute. Der Übertrommler: von den Stümpern und den Besten gleichermaßen verehrt, er hatte jetzt Zeit und wir konnten reden.
Das Interview sollte im Hotel stattfinden. Dorthin brachte uns der Tourbus. Auf Jeffs Zimmer öffnete der erst einmal die Minibar und stellte zwei Biere auf den Tisch. „You’re welcome’ – please ask what you like“. Der Kassettenrekorder drehte das Band: man habe jetzt wieder ein neues Wir-Gefühl in der Truppe. Der neue Sänger Byron sei prima, die Studio-Aufnahmen entspannt verlaufen und vielleicht gelänge ja noch mal so was, wie damals vor knapp zehn Jahren mit dem Top-Album ‚4’. Die zehn Minuten Aufnahme für die CD-Besprechung im ‚SR 1 Querfunk’ waren bald im Kasten, aber noch das halbe Bier übrig. Zeit für einen wenn auch kurzen smalltalk mit dem unkomplizierten Rockstar vom Trommler-Podest. Jetzt musste ich ihm erzählen, wie sehr ich mich an meinem Schlagzeug mit den Toto-Grooves abmühte, und dass ‚Rosanna’ zu spielen ein seit langem unerreichbarer Traum war.
„Ey, it’s so simple, let me show you!“, Jeff schlug mir auf die Schulter und wir nahmen am kleinen Beistelltischchen des Hotelzimmers Haltung ein. Handfläche an den Rand wie beim Bongospielen. ‚Bumm-Bu-Tschak, Bumm-Bu-Tschak-Tschak’. Nein, den zweiten Schlag müsse ich ein bisschen verzögern, noch Mal. „Bleib locker“, riet der Profi, „denk nicht nach, einfach fließen lassen“. Irgendwann waren sein und mein Tischbeat synchron. Ich konnte es – ‚Rosanna’, endlich: ‚Bumm-Bu-Tschak, Bumm-Bu-Tschak-Tschak’. Er, der es erfunden hatte, gab es weiter. Uneitel, als Kumpel, er lieh mir seine Hausaufgaben, hatte Spaß am Trommeln, jamte mit dem stotternden Reporter, der sich als Fan, als Unwürdiger geoutet hatte.
Dann war plötzlich sein Scheckkarten-Hotelzimmerschlüssel verschwunden. Zwei Schlagzeuger: ein Guter und ein Polkatrommler krochen auf allen Vieren über den Teppichboden, „ah there, thanks – see you, take care!“
Der Weltklassemann an der Schießbude chillte noch ein bisschen, der Reporter machte sich mit roten Ohren auf den Weg heim.

Adrenalin und Aufregung sollten dafür sorgen, dass ich ‚Rosanna‘ schon im Aufzug nicht mehr hinbekam und bis heute nie wieder geschafft habe. So simpel war es doch nicht, aber mit Hilfestellung des Bademeisters hatte der Köpper vom Zehner einmal geklappt. Ehrlich!

Knapp zwei Jahre später starb Jeff Porcaro. Fiel um bei der Gartenarbeit. Das Herz blieb stehen. Seine Beats schlagen weiter.

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2 Gedanken zu „zum 25. Todestag…Jeff Porcaro – der Gott an der Schießbude

  1. Pingback: Heute vor 20 Jahren starb Jeff Porcaro | Friemel bloggt mit Freu(n)den …

  2. Auch für mich einer der besten Schlagzeuger ever. Es gibt ein Interview mit Kollegen von ihm die erzählen, wie er zu Forschungszwecken Schlagzeug spielte, und man ihn bat, genau im Takt zu spielen, weil er 20 Millisekunden (?) voraus war. Danach spielte er präzise wie ein Uhrwerk 25 Millisekunden später. Kein anderer Schlagzeuger hat das hinbekommen, und selbst die berühmten Kollegen waren sprachlos…

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