Karl-Heinz Reintgen – der erste Radio-Hitmaker

Die Geschichten von Radio-DJs, die eine bestimmte Platte so lange über den Sender schickten, bis der Song ein Riesen-Hit wurde, sind ungezählt. Elvis verdankt seinen Karrierestart Dewey Phillips von WHBQ, der 1954 eines Abends in Memphis ‚That’s all right‘ in Endlosschleife spielte. Es gab Wolfman Jack, Chris Howland, Manfred Sexauer und viele mehr. Der erste Hitmaker im Radio hieß Karl-Heinz Reintgen.

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1941 – es sind düstere und grausame Zeiten, der zweite Weltkrieg tobt schon zwei  Jahre. Niemand ahnt, dass alles noch viel schlimmer kommen und in der totalen Katastrophe enden wird. Für die deutschen Soldaten im Ausland geht der Sender Belgrad in den Äther – ein Propagandaposten und Truppenbetreuungsprogramm – wenn man so will, das deutsche AFN. Ein junger Leutnant aus Wilhelmshaven, Karl-Heinz Reintgen, 26 Jahre alt und neben der militärischen Ausbildung auch Radiomann, soll die Sendungen füllen, für zunächst 20 Stunden täglich. Dazu hat der Herr Leutnant  „nur 54 Schallplatten“ wie er sich später erinnert. Auch ohne Senderberater und Radio-Coaches weiß er, dass diese Menge für eine tägliche Hitrotation zu klein sein würde. Ein Kamerad wird nach Wien abbeordert, um dort schwarze Scheiben zu besorgen. Bei Durchsicht der Musikbeute wird jedoch bald bemerkt, dass fast alles „verbotene“ Platten sind. Alles wird auf Sendbarkeit durchgehört. Plötzlich liegt das „Lied eines jungen Wachtposten“ auf dem Teller. Lale Andersen steht auf dem Label, ein Stück, 1939 bei EMI aufgenommen, alles andere als ein Knaller, eigentlich die Platte zum Ausmustern. Aber dieses „Lili Marleen“ klingt am Schluss mit der Trompetenmelodie zum Zapfenstreich aus. Der Radioleutnant denkt sich „prima“, diese Nummer taugt zum Programmschluß, „gekauft!“ Die erste deutsche Radiomusikgeschichte wird geschrieben.

Nach einer Wochen mag man zur Abwechslung  dann doch was anderes zum Finale spielen. Plötzlich hagelt es empörte Feldpost aus allen Himmelsrichtungen. „Wo ist die Lilli?!“ Der Sende-Leutnant ist mit seinen ersten Hörerreaktionen konfrontiert: „Wir dachten, wir senden nur von hier bis an die Wand, wir wussten ja nicht, dass wir über Belgrad hinaus gehört werden können“, sagt Reintgen Jahrzehnte später im Spiegel. ‚Lilli Marleen‘ wird zum Markenzeichen des Programms, eine Grußsendung kommt auf den Einsatzplan, die Heimat und die Front per Radio verbindet. Tatsächlich gibt es bald Soldatenbriefe die bezeugen, dass Grauen und Sterben über die Kriegslinien hinweg Pause haben, wenn Lale Andersen gespielt wird. „Überall in der Wüste pfiffen englische Soldaten das Lied“, wird ein Kriegsberichterstatter später zitiert.

Wie gesagt, eine sehr dunkle Zeit, damals….welche Befehle der Soldatensender Belgrad zu befolgen, welche weiteren Ziele zu verfolgen hatte, soll nicht Thema sein. Auch nicht die Position des jungen Radioleutnants in der Wehrmacht. Fakt ist: Karl-Heinz Reintgen blieb beim Radio, wechselte später zum noch jungen Fernsehen und war auf dem Halberg beim SR Chefredakteur und stellvertretender Intendant. 1980 ging er in Saarbrücken in Pension. Vor seiner Zeit beim SR, noch in den 50er Jahren, war Reintgen Reporter und Moderator beim Südwestfunk in Kaiserslautern. Dort habe ich jetzt zwei seiner Sendungen bei Recherchen über Pfälzer Musikanten und Auswanderer entdeckt. Er führt darin u.a. ein Interview mit dem Pfarrer meiner Heimatgemeinde Rieschweiler. Ein Wahnsinn, wie gut ein Tonband von 1954 noch klingt. Ich habe es meinem Papa vorgespielt, der sofort losgesprudelt hat mit Anekdoten über den alten Hochwürden aus einer ganz anderen Zeit, lange vor meiner Geburt. Aber das sind andere Geschichten. Keine vom Radio.

 

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